Mein Verein und ich

26. Februar 2021

Einmal Löwe, immer Löwe! Frank Rüttenauer, Head of Retail Business Development bei der Carmignac Deutschland GmbH, begleitet den TSV 1860 München seit der Jugend, obwohl er die ersten Fußballtränen seines Lebens nach einer Niederlage des FC Bayern vergossen hat.

Hallo Frank, Du bist im September 1978 geboren, kurz nach dem Abstieg der Löwen in die 2. Liga. Von 1982 – 1993 war der Verein dann drittklassig, um dann unter dem schillernden Duo Wildmoser und Lorant 1994 in die Bundesliga aufzusteigen. Bist Du in dieser Zeit Löwen-Fan geworden? Wie hat es dich als gebürtigen Badener überhaupt zu 1860 verschlagen? Badische Alternativen gab es ja in dieser Zeit, zum Beispiel den KSC oder Freiburg.

Frank Rüttenauer

Zuerst einmal muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich in der Kindheit zu Bayern tendiert hatte. Ich kann gar nicht genau erklären, woher das eigentlich rührte. Bayern war natürlich erfolgreich, und ich hatte schon als Kind eine Faible für die Stadt München. Vom Elternhaus war ich eher in Richtung Stuttgart geprägt. Mein Vater war VfB-Sympathisant, und beim VfB haben auch meine ersten Stadionbesuche stattgefunden.

Es gibt auch ein Ereignis, von dem meine Eltern erzählen, an das ich mich selbst aber nicht erinnern kann. Das muss in meiner Kindergartenzeit gewesen sein. Ich war mit meinen Eltern im Stadion und der VfB hat 1:0 gegen die Bayern gewonnen (11. Oktober 1983, Torschütze für den VfB Walter Kelsch). Nach dem Spiel habe ich wohl geweint, weil Bayern verloren hatte. Die ersten Jahre meines Fan-Seins habe ich mich also Richtung Bayern entwickelt, aber in der Jugend ist immer mehr die Erkenntnis gereift, dass der wahre Münchener Club der „Blaue“ ist. So richtig Fan wurde ich, als der Verein wieder in die 2. Liga aufgestiegen ist und dann ein Jahr später wieder erstklassig wurde.

Tino Seebach

Zu welchem Lager gehörst Du? Karl-Heinz Wildmoser ist für einige 60er der Präsident, der den Verein aus der Bedeutungslosigkeit zurück in die erste Liga zurückgeführt hat, für andere ein Sonnenkönig, der dem Verein mit dem gemeinsamen Bau der Allianz Arena die Identität gestohlen hat.

Frank Rüttenauer

Ich gehöre zu denen, die die Arbeit von Karl-Heinz Wildmoser anerkennen, weil er den Verein aus der Bedeutungslosigkeit rausgeholt hat. Er war natürlich eine schillernde Persönlichkeit, die dafür gesorgt hat, dass 1860 große Aufmerksamkeit erhalten hat. Das Duo Karl-Heinz Wildmoser und Werner Lorant war für das Image des Vereins super. Jeder sollte rückblickend die Arbeit von Wildmoser wertschätzen und nicht sagen, dass Wildmoser für den Verein schlecht war.

Auf der anderen Seite war es leider so, dass er mit dem Thema „Allianz Arena“ dem Verein ein Stück Identität geraubt hat. Schlimmer als das, waren jedoch die Verträge, die damals abgeschlossen wurden und in denen das Worst-Case-Szenario eines Abstiegs in die 2. Liga nicht vorgesehen war. Betriebswirtschaftlich waren diese Verträge ein komplettes Eigentor. Sie haben leider dazu geführt, dass wir uns heute wieder in der Bedeutungslosigkeit befinden. 

Tino Seebach

Das Stadion war schon immer ein großes Thema bei Euch. Das Grünwalder Stadion hat offenbar sehr viel mit Eurer Identität zu tun. Es wird ja auch immer wieder darüber diskutiert, außerhalb bzw. an anderer Stelle ein neues Stadion zu bauen. Wie sieht Du das? Wie wichtig ist es für den Verein und die Fans, dass die Spiele weiterhin im Grünwalder Stadion stattfinden?

Frank Rüttenauer

An der Stelle gehöre ich zu denjenigen, die sagen: Wenn wir über die Zukunft sprechen, kann das Grünwalder Stadion langfristig nicht dazu gehören. Es ist bekannt, dass das Grünwalder nicht in ein Bundesliga konformes Stadion umgebaut werden kann.  Falls es wirklich wieder nach oben gehen sollte, braucht 1860 perspektivisch ein neues Stadion.

Wenn also die Möglichkeit bestünde, an anderer Stelle ein neues Stadion zu bauen, dann sollte man diese Möglichkeit beim Schopfe packen. Allerdings ist es vermessen, aktuell von einem neuen Stadion zu träumen, wenn uns finanziell das Wasser bis zum Hals steht. Zu diesem Thema  prallen viele widersrüchliche Meinungen aufeinander. Auf der einen Seite Fans, die davon träumen, im Grünwalder Stadion wieder Bundesliga zu spielen, auf der anderen Seite Fans, die außerhalb ein neues Stadion bauen möchten, aber gleichzeitig den Investor ablehnen….die harte Realität wird da häufig ignoriert. 

Tino Seebach

1860 ist eine der deutschen Talentschmieden. Ihr schafft es regelmäßig, Spieler aus der Jugend für die Profimannschaft auszubilden, dazu gehören Spieler wie Kevin Volland, die Bender-Zwillinge oder Julian Weigl. Hier werden seit Jahre konstant gute Ergebnisse erzielt. Gleichzeitig seid Ihr ein Verein, der im Profibereich eine der höchsten Fluktuationsraten bei Trainern und Spielern hat, wie passt das zusammen?

Frank Rüttenauer

In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren konnte man die ganzen Top-Talente nicht mehr halten. Spätestens seit dem Abstieg in die 2. Liga im Jahr 2004 war es so, dass die vorhandenen Talente viel zu schnell verkauft werden mussten.

In den letzten Jahren kam dann hinzu, dass man leider im Jugendbereich gar nicht mehr die erste Geige gespielt hat, weil die Attraktivität des Vereins nachgelassen hat. Neben den Bayern gibt es jetzt noch mehr regionale Konkurrenz als früher. Augsburg ist nicht weit entfernt. Letztes Jahr war sogar die Situation, dass weder die A- noch die B-Jugend in der jeweils höchsten Spielklasse gespielt haben. Das macht es natürlich für die Zukunft noch schwieriger.

Was die erste Mannschaft betrifft: Hier konnte in den letzten Jahren der Kader sehr spät geplant werden, weil nicht klar war, wieviel Budget zur Verfügung stehen würde. Das hat es dem Sportdirektor immer ungemein schwierig gemacht, Wunschspieler zu verpflichten. Aktuell hat man sich endlich frühzeitig auf ein Budget für die kommende Saison geeinigt, wenn ich das in den letzten Wochen richtig mitbekommen habe.

Tino Seebach

Schillernde Figuren hat 1860 auch heute zu bieten. Hasan Ismaik ist seit 2011 Mehrheitsgesellschafter, er hält 60% der Anteile, darf aber aufgrund der 50+1 Regel nur 49% der Stimmrechte ausüben. Am 2. Juni 2017, nach dem Abstieg der Mannschaft aus der 2. Bundesliga, verweigerte Ismaik die für eine Lizenz für die 3. Liga erforderlichen Zahlungen, 1860 musste für ein Jahr in die Regionalliga. Braucht es solche Investoren wie Ismaik überhaupt? Oder zerstören sie langfristig nicht immer einen Verein von innen?

Frank Rüttenauer

Ich betrachte das sehr differenziert. Ohne den Einstieg eines Investors wäre 1860 insolvent gewesen. Natürlich bin ich auch ein Freund von Tradition, und 1860 ist ein Traditionsverein. Wir waren jedoch auf diesen Investor angewiesen und sind es immer noch.

Was in den letzten Jahren gefehlt hat, war ein Konsens zwischen der Vereinsführung und dem Investor. Die vergangenen zehn Jahre, seit Ismaik unser Investor ist, waren ein einziges Hin und Her. Es gab Zeiten, da hat der Verein aufgrund der 50+1 Regel seine Vorstellungen durchgesetzt und es gab Zeiten, da wurden die Wünsche des Investors erfüllt. Oftmals wurde eher gegeneinander gearbeitet statt miteinander.

Gerade in der Abstiegssaison 2017 war es beispielsweise so, dass 1860 den Manager von Liverpool, Ian Ayre, und Vito Pereira (ehemals FC Porto) als Trainer verpflichtet hat. Es wurde von der Weltspitze geträumt, und Herr Ismaik hat große Pläne geschmiedet – am Ende der Saison stand der Abstieg. 

Grundsätzlich ist es für einen Traditionsverein natürlich viel schöner, wenn keine Abhängigkeit von einem Investor besteht. Allerdings finden wir in der 3. und 4. Liga genügend Traditionsvereine, die in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Gleichzeitig sind in der Bundesliga die Vereine mit Ankerinvestoren und/oder starken Sponsoren prozentual immer mehr geworden. Insofern muss ich einen guten Kompromiss zwischen Tradition und guten Investoren finden, sonst bin ich nicht mehr wettbewerbsfähig.

Tino Seebach

Die dritte Liga gilt auch als Pleite-Liga. Der Weg kann ja nur der Aufstieg sein, um mittelfristig wieder schwarze Zahlen schreiben zu können. Wenn wir drei Jahre nach vorne schauen, wie realistisch ist es, dass Ihr dann wieder in der 2. Liga spielt?

Frank Rüttenauer

Das hängt extrem vom Budget ab, das uns zur Verfügung stehen wird. Der Trainer macht einen guten Job, die Mannschaft hat Charakter. 1860 spielt aktuell eine gute Saison und Aufstiegschancen sind noch vorhanden. Dennoch bin ich mit Blick auf Kader, Marktwerte und Budget realistisch und sehe uns als Mittelfeldmannschaft

Tino Seebach

Du selbst hast recht ambitioniert gespielt und warst auch Trainer, richtig?

Frank Rüttenauer

Ich habe in der Verbandsliga in Baden-Württemberg gespielt und war dann einige Jahre Spielertrainer in der Landesliga.

Tino Seebach

Dann stell mir doch bitte Deine beste 1860-Mannschaft zusammen, einschließlich Trainer, seitdem Du Fußball bewusst wahrnimmst. Wir spielen im 4-4-2.

Frank Rüttenauer

Trainer: Werner Lorant
Torwart: Michael Hofmann
Abwehr: Bernhard Trares, Martin Stranzl, Thomas Miller, Lars Bender
Mittelfeld: Harald Cerny, Thomas Häßler, Piotr Nowak, Thomas Riedl
Angriff: Bernhard Winkler, Kevin Volland

Tino Seebach

Hand aufs Herz, wie hat sich Deine Fan-Leidenschaft mit der Liga-Zugehörigkeit entwickelt? Ist die gleich geblieben oder hast du dich angepasst?

Frank Rüttenauer

Da bin ich ganz offen: Die hat sich angepasst. Wenn ich mir als Fan von 1860 die Ergebnisse und die Entwicklung im Verein in den letzten Jahren zu sehr zu Herzen genommen hätte, dann hätte ich an vielen Wochenenden schlechte Laune gehabt….

Ich freue mich, wenn 1860 gewinnt, das ist aber kein Vergleich zu den Glanzzeiten des Vereins, vor 20 – 25 Jahren. Damals war ich regelmäßig in München im Stadion und bin auch gelegentlich zu Auswärtsspielen gefahren.

Ich bin Fan des Verein. Was aber in den letzten Jahren hinter den Kulissen abgelaufen ist, war frustrierend. Bei vielen Präsidenten hatte ich den Eindruck, dass es nur um Selbstdarstellung geht und 1860 die perfekte Bühne dafür bietet.

Tino Seebach

Das kann ich als Lautern-Fan leider komplett nachvollziehen. Trotzdem merkt man ja, dass Du sehr informiert bist, und der Verein nach wie vor ein Teil Deines Lebens ist.

Frank Rüttenauer

Ja, und ich möchte die Leidenschaft für die Löwen natürlich auch meinen Söhnen mitgeben. Ich habe meinem großen Sohn, als er noch sehr klein war, bereits ein 1860-Trikot geschenkt. Leider sind beide mittlerweile Bayern-Fans. Ich kann es Ihnen nicht verübeln. Fan eines Drittligavereins zu sein, ist für Kinder wenig attraktiv. Bei uns stehen sich jeden Morgen die 1860-Kaffeetasse und die FC Bayern-Kakaotasse auf dem Frühstückstisch gegenüber. Wenigstens hier findet noch ein Duell auf Augenhöhe statt.

 

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