Mein Verein und ich

8. März 2022

Mein guter Freund Jörg Seifart, vielleicht der Stiftungsspezialist in Deutschland, spricht mit mir über seine alte Liebe 96, den Niedersachsen an sich und über die "verbotene Stadt". Freuen Sie sich auf das Interview.

Tino Seebach:

Lieber Jörg, schön, mit Dir über Deine alte Liebe Hannover 96 zu sprechen. Holen wir doch zuerst einmal die Leser ab. Zweimal deutscher Meister, 1938 verdient gegen Schalke, 1954 mit viel Glück gegen meinen FCK das Finale gewonnen. 1992 als bisher einziger Zweitligist gegen Borussia Mönchengladbach den Pokal geholt. Spätestens seitdem als klare Nummer 2 in Niedersachsen hinter Eintracht Braunschweig etabliert. Habe ich das gut zusammengefasst?

Jörg Seifart:

(lacht) Warum habe ich bloß den letzten Teil der Frage schon kommen sehen?

Tino Seebach:

War es nicht so, dass 1963 bei der Einführung der Bundesliga Eintracht Braunschweig Hannover 96 vorgezogen wurde? Ist also Eintracht Braunschweig immer noch der größte Gegner, an dem man sich zuallererst misst?

Jörg Seifart:

Also, um die Dinge einmal einzuordnen: eingefleischte Hannoveraner Fans nehmen das Wort schon gar nicht in den Mund. Wenn überhaupt, dann spricht man von der „verbotenen Stadt“.  Ich würde die jetzt nicht als größten Gegner bezeichnen, dafür spielen die Vereine zu lange in verschiedene Ligen. Aber die Siege gehören natürlich zu den Süßesten. Ob man diese Derbys als Fan live erleben muss, weiß ich nicht. Wir Niedersachsen reden ja nicht viel, und große Gefühle zeigen wir schon gar nicht, aber wenn doch, wird es schlimm. Ich würde da nicht ins Stadion gehen, schon gar nicht mit Kindern.

TIno Seebach:

Der angesprochen Vorfall ist ja schon etwas vor Deiner Zeit passiert. Du bist Jahrgang 1970. Bist Du in eine Fußballer-Familie geboren?

Jörg Seifart:

Nein, nicht wirklich. Es war wohl so wie in den meisten Fällen. Man geht als Schüler ins Stadion zum Heimatverein. Regelmäßig ins Stadion bin ich dann mit 14, 15 Jahren gegangen, anfangs in die 2. Liga. Mein Vater hat mich sportlich wenig geprägt, dafür beruflich umso mehr. Er war Jurist und einer der Vorgänger von Dieter Lehmann bei der Volkswagenstiftung, wo er die Vermögenslage mitverantwortet hat. Am Ende habe ich auch Jura studiert und bin heute Spezialist im Stiftungs- und Steuerecht. Weiterhin habe ich ein Multi-Foundation Family Office gegründet, dessen Geschäftsführer ich bin. Wir bieten kleineren Stiftungen den Service einer externen Geschäftsstelle, die sie dazubuchen können.

Tino Seebach:

Bis 1996 waren es volatile Zeiten für Hannover 96, die genau in diesem Jahr, am 100-jährigen Jubiläum, mit dem Abstieg in die Regionalliga endeten. Warst Du damals „nur“ 96-Fan oder gab es noch einen Verein aus der 1. Liga, den Du nebenher supportet hat?

Jörg Seifart:

Nein, das war nur Hannover 96. Vereine haben nun mal auch über längere Zeiträume nicht die besten Zeiten, das ist dann halt so. Nur erfolgreich ist ja auch langweilig. Der größte Erfolg, den ich wirklich bewusst miterlebt habe, war während meiner Studienzeit in Bonn der Pokalsieg 1992 gegen Borussia Mönchengladbach. Natürlich vergisst man dieses Finale und die Spieler der damaligen Mannschaft als Fan nicht. Dass ein Zweitligist Pokalsieger wurde, gab es danach ja auch nie wieder.

Tino Seebach:

Der schönste Zeitraum als Fan war doch sicherlich zwischen 2010 und 2013, die Zeit der Europa-Pokal-Nächte. Mirko Slomka als Trainer und Jörg Schmadtke als Sportdirektor. Was ist da im Positiven passiert, dass Ihr auf diesem sportlichen Level gespielt habt, und warum konntet Ihr Euch auf diesem Level nicht etablieren?

Jörg Seifart:

Ich bin in der Rückbetrachtung alles andere als ein Fan von Mirko Slomka. Meiner Meinung nach gebührt der Verdienst zum größten Teil Jörg Schmadtke, der die Mannschaft zusammengestellt hat. Der Trainer hatte das Glück, genau in dem Moment zu kommen, als Hannover eine wirklich starke Mannschaft hatte. Slomka hat in meiner Wahrnehmung der damaligen Situation einiges dazu beigetragen, auch über die Presse, dass Jörg Schmadtke das Handtuch geworfen hat. Wenn man die Entwicklung beider Personen seitdem betrachtet, so kann man wohl festhalten, dass Jörg Schmadtke im Gegensatz zu Mirko Slomka auch in anderen Vereinen Erfolge feiern konnte.

Tino Seebach:

Mit Hannover 96 verbinden viele auch die Person Martin Kind. Zuerst einmal ist es ja bemerkenswert, wie lange er in diesem Verein in leitenden Funktionen tätig ist, und das, obwohl er polarisiert wie wenige, Stichwort 50+1-Regel. Stiftungen und Vereine sind natürlich nicht das Gleiche, aber es gibt Parallelen. Wie siehst Du das aus beruflicher Sicht? Sollte man Fans ein Mitspracherecht zugestehen oder haben das nur Mitglieder?

Jörg Seifart:

Bei Vereinen und Stiftungen geht es immer um eine persönliche Sache, für die man brennt. Das verträgt sich nicht immer mit den Ansichten, die Herr Kind als Unternehmer lebt. Man muss Fans mitnehmen können, wenn man nicht ständig mit Ihnen in Konflikt stehen möchte. Dafür ist er nicht der Typ. Wenn man andererseits schaut, wieviel Geld ein Verein wie Hannover 96 bereits in der 2. Liga umsetzt, dann muss da unbedingt wirtschaftlicher Sachverstand her, den er unbestritten hat.

Tino Seebach:

Über die eigenen Fans, die gegen seine Pläne waren, durch Umgehung der 50+1-Regel, den Verein zu übernehmen, hat Martin Kind einmal gesagt: „Die wollen wir eigentlich gar nicht, wir brauchen sie nicht!“

Jörg Seifart:

Er hat sogar einmal gesagt, die Fans seien „Kunden“. Das kam natürlich nicht gut an. Ich kann beide Seiten verstehen, sowohl die Investoren als auch die Ultras. Man braucht beides, um als Verein erfolgreich zu sein: das Geld der Investoren und die lautstarke Unterstützung der Fans im Stadion. Deshalb sollten beide Seiten im Sinne des Vereins aufeinander zugehen und einen Weg finden, in dem sich alle wiederfinden.

Tino Seebach:

Eines seiner Hauptargumente, die 50+1-Regel abzuschaffen, sind ja die drei Vereine Bayer Leverkusen, VFL Wolfsburg und TSG Hoffenheim, für die diese Regel faktisch nicht gilt. Kinds Meinung nach sollte es jedem Verein selbst überlassen sein, diesen Weg zu gehen, nachdem die Regel abgeschafft wäre.

Jörg Seifart:

Bei Bayer Leverkusen kann ich es noch nachvollziehen, schließlich hat sich dieser Verein historisch als Werksmannschaft in einer Zeit entwickelt, als es diese Diskussionen überhaupt noch nicht gab. Bei Wolfsburg und Hoffenheim kann ich dagegen überhaupt nicht verstehen, warum Ausnahmen gemacht wurden. Persönlich bin ich zwiegespalten, wie ich zu dieser Regel stehe. Aus unternehmerischer Sicht finde ich es richtig, dass Martin Kind überhaupt einmal versucht hat, die Regel in Frage zu stellen. Das ist seine Verantwortung. Am Ende des Tages würde eine Abschaffung die Finanzierung von Vereinen erleichtern. Ob man sich dann tatsächlich in fremde Hände geben will, ist eine völlig andere Frage.

Tino Seebach:

Hannover spielt aktuell in der 2. Bundesliga neben Mannschaften wie dem HSV, Werder Bremen, Schalke 04, dem 1. FC Nürnberg und Fortuna Düsseldorf, um nur die größten Namen zu nennen. Zwischen Platz 1 und Platz 6 sind es nur sieben Punkte Unterschied. Ist die 1. Bundesliga als Fan und Verein überhaupt erstrebenswert?

Jörg Seifart:

Ja! Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Hannover wieder in der 1. Bundesliga spielen und sich dort etablieren könnte. In dieser Saison hatten wir es mit einem jungen, unerfahrenen Trainer aus der Region versucht, das hat leider nicht funktioniert. Mit dem neuen Trainer punkten wir relativ konstant. In der derzeitigen Verfassung haben wir in der ersten Liga natürlich noch nichts verloren. Das hat man ja auch in der vergangenen Woche im Pokal-Viertelfinale gegen RB Leipzig gesehen. Natürlich kann es gerade in dieser Liga schnell gehen, wenn man auf dem Transfermarkt ein glückliches Händchen hat und Mannschaft, Fans und Funktionäre sich als Einheit präsentieren.

Das Meisterschaftsrennen in der 1 Liga ist nicht attraktiv, aber das wäre ja auch nicht das Ziel. Wenn wir jemals wieder Europapokalnächte feiern dürften, dann wäre das schon mehr, als ich momentan zu träumen wage.

Tino Seebach:

Vielen Dank für das Interview, lieber Jörg. Dir und Deinem Verein alles Gute für die Zukunft!

 

 

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