Mein Verein und ich

20. April 2021

Am kommenden Sonntag findet das League Cup Finale zwischen Manchester City und Tottenham Hotspur statt. Wir freuen uns sehr, den größten in Deutschland lebenden Tottenham-Fan Stefan Sealey, Head of Sales - Germany von Artemis Investment Management, vor diesem Spiel für dieses Interview gewinnen zu können.

Lieber Stefan,

es ist Montag, der 19. April 2021, 15.00 Uhr. Ihr steht am kommenden Sonntag um 17.00 Uhr gegen Manchester City im Finale des League Cup und könntet den ersten Titel seit 2008 gewinnen. Am vergangenen Freitag habe ich mir das 2:2 in Everton angesehen. Das Einzige, was mir Hoffnung gemacht hat, war der Auftritt von Harry Kane, der beide Tore erzielte. Leider hat er sich kurz vor Schluss verletzt, und es ist fraglich, ob er bis Sonntag fit wird. Heute um 11.00 Uhr wurde Euer Trainer José Mourinho entlassen. Wie geht es Dir so?

Stefan Sealey

(Lacht) Das sind ganz schön viele Sachen, die ich gerade verdauen muss.

Ich bin seit meiner Kindheit Tottenham-Fan. In dieser Zeit haben wir zwei Titel gewonnen, 1999 und 2008 jeweils den Ligapokal. Das ist natürlich schon lange her.

Um auf das Spiel gegen Everton zurückzukommen: Wir waren nicht gut. Wir hatten zwei Chancen, zwei Fehler in der Innenverteidigung von Everton. Harry Kane hat das in beiden Fällen eiskalt ausgenutzt. Wir leiden sehr ohne ihn. Er ist wirklich ein wahnsinnig guter Spieler, als Zehner ein hervorragender Torvorbereiter und im Strafraum unglaublich gefährlich. Ohne Kane ... nein, ich will diesen Gedanken gar nicht weiterführen. Es ist gerade keine einfache Zeit, ein Spurs Fan zu sein.

Tino Seebach

Tottenham hat vor der Saison 110,5 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, wenn man die Einnahmen für die Abgänge gegenrechnet, insgesamt 97,2 Millionen Euro investiert. Das ist selbst für die Premier League ein gewaltiger Betrag. Mit Mourinho als Trainer ist man mit einem großen Namen in die Saison gestartet. Nun steht die Mannschaft auf Platz 7 in der Tabelle. Die Saison verläuft sicherlich nicht so, wie Du Dir das als Fan erhofft hast, oder?

Stefan Sealey

Nein, natürlich nicht. Du hast angesprochen, was wir ausgegeben haben. Wenn wir auf die Zeit vor Mourinho schauen, als Mauricio Pochettino (jetzt Paris Saint-Germain) unser Trainer war, haben wir auf einem viel höheren Level gespielt, und das mit sehr überschaubaren finanziellen Mitteln. Maurico Pochettino war bei den Fans unglaublich beliebt. Oft haben wir Netto-Null ausgegeben und gehörten trotzdem vier Jahre lang zu den Top 3, Top 4 der Premier League. Wir waren 2019 im Champions League Finale. Leider hat dann nach einem holprigen Start in die Saison 2019/20 unser Chairman Daniel Levy entschieden, Pochettino zu entlassen. Da hat aus meiner Sicht auch falsches Ego mitgespielt. Man wollte einen großen Namen wie Mourinho präsentieren, der gerade frei war. Mourinho ist aber, wie viele Fußballexperten und ich auch finden, nicht mehr der Trainer von vor zehn Jahren.

Jetzt steht am Wochenende das Ligapokalfinale an. Ist es ein Erfolg den Ligapokal zu gewinnen? Ich meine, mit den Ressourcen die Tottenham mittlerweile hat, ist das eigentlich das absolute Minimum.

Tino Seebach

Du bist 1986 in England geboren, dann mit Deinen Eltern nach Deutschland gekommen. Jürgen Klinsmann wurde 1994/95 für Tottenham Torschützenkönig in England. Hatte Deine Entscheidung, als Kind Tottenham-Fan zu werden, etwas damit zu tun?

Stefan Sealey

Nein, ich bin mit sechs Jahren nach Deutschland gekommen und schon vor Klinsmann Tottenham-Fan gewesen. Mein Vater ist Engländer, meine Mutter Deutsche. Als Kind fand ich Klinsmann in dieser einen Saison, in der er für uns gespielt hat, natürlich super. Die Fans haben sich damals total in ihn verliebt. Das war eine große Sache, nicht nur für Tottenham, sondern für die gesamte Premier League, dass so ein Weltstar kommt. Die Premier League hatte damals noch nicht den gleichen Stellenwert wie heute. Als halb Deutscher, halb Engländer war ich damals sehr, sehr stolz.

Tino Seebach

Wenn es also nicht Jürgen Klinsmann war, was hat Dich dann dazu gebracht, ein Tottenham Fan zu werden?

Stefan Sealey

Tottenham hat 1990/91 den FA-Cup gewonnen, und ich habe kurz darauf angefangen, den englischen Fußball zu verfolgen. Dass ich dann Tottenham-Fan wurde, hat aber mehr mit meinem Vater zu tun, der aus London stammt, sowie mit einem sehr engen Freund der Familie, der riesiger Tottenham-Fan war und mich und meine Entscheidung stark beeinflusst hat.

Meine Anfangszeit als Fan in den 90er-Jahren war hart, aber es sind in der Erinnerung dennoch die schönsten Jahre. Wir hatten keine super Fußballer, es gab sehr wenige Erfolge. Damals war die große Zeit unseres ärgsten Rivalen Arsenal  unter Arsene Wenger. Die Spiele gegen Arsenal sind für Tottenham immer die zwei wichtigsten des Jahres. Wir konnten damals selten auch nur einen Punkt holen. Aber man kann es sich als Fußballfan eben nicht aussuchen, welchem Verein man folgt. Das überkommt einen. Man wird da reingeboren oder von jemandem beeinflusst. Durch die harten Zeiten muss man dann sein Leben lang durch.

Tino Seebach

Wie ist Deine eigene Fußballkarriere verlaufen?

Stefan Sealey

Ich spiele immer noch aktiv Fußball. Fußball ist wirklich ein großer Teil meines Leben, meine Frau kann das bestätigen. Ich spiele bei der SpVgg Höhenkirchen im Landkreis München und bin dort auch Spielführer. Es macht mir immer noch unglaublich Spaß, und ich versuche, so lange bei den Aktiven weiterzumachen, wie ich mithalten kann. In ein paar Jahren werden es dann die Alten Herren sein, die auf meine Unterstützung zählen können. Es ist einfach ein großartiger Ausgleich zur Finanzbranche.

Tino Seebach

Persönlich habe ich Dich ja nie spielen sehen, Du bist Kapitän und in einem fortgeschrittenen Fußballeralter. Ich habe jetzt das Bild des Bobby Moore von Höhenkirchen vor Augen. Trifft es das? Auch von der Position?

Stefan Sealey

Mit diesem Vergleich kann ich gut leben! Auch wenn Bobby Moore natürlich eine Legende von West Ham United ist, so ist er natürlich auch eine Legende in der englischen Nationalmannschaft. Ich war früher ein Sechser und bin jetzt Innenverteidiger, glänze durch meine Erfahrung und die Fähigkeit, das Spiel lesen zu können. Natürlich bin kein Flügelflitzer mehr, aber in meinem Alter ist es sicherlich auch eher die Aufgabe, junge Spieler zu führen und die Mannschaft zusammenzuhalten.

Tino Seebach

Dein Vater ist Engländer, Deine Mutter Deutsche. Wie würde denn Deine Mannschaft aus den besten Spielern dieser beiden Länder aussehen? Dabei zählen nur Spieler, die Du bewusst erlebt hast. Wir nehmen noch einen Trainer dazu, damit wir auf zwölf Personen kommen, aus jedem Land also sechs. Wir spielen 4-2-3-1. Kleiner Tipp: Ich würde vielleicht einen deutschen Torwart nehmen.

Stefan Sealey

Das ist gar nicht so einfach. Also, here we go:

Trainer: Jürgen Klopp

Torwart: Oliver Kahn
Abwehr: Lothar Matthäus, Kyle Walker, Rio Ferdinand, Philipp Lahm
Mittelfeld defensiv: Toni Kroos, Steven Gerrard
Mittelfeld offensiv: Paul Gascoigne, Wayne Rooney, Harry Kane
Sturm: Jürgen Klinsmann

Lothar als Libero und Kane auf der 10. Diese Mannschaft würde in jedem Fall Spaß machen!

Tino Seebach

Es gab neben der Entlassung von Mourinho noch eine andere große Meldung heute, die den internationalen Fußball betrifft. Die Ankündigung von zwölf Topklubs (unter anderen Tottenham) aus England, Spanien und Italien, eine Super League zu gründen. Eine Liga, für die keine sportliche Qualifikation möglich ist. Wie ist Deine Meinung hierzu?

Stefan Sealey

Es hat sich angebahnt, man hat hier und da immer wieder Gerüchte gehört. Es ist für mich jetzt nicht die große Überraschung, dass es so gekommen ist. Mir geht es wohl wie jedem anderen echten Fußballfan. Damit meine ich nicht nur die Fans, die zuhause Sky schauen, sondern vor allem auch die, die ins Stadion gehen. Ich glaube, die fühlen sich komplett veräppelt. Es ist für mich eine absolute Frechheit, was sich die großen Vereine hier erlauben. Ich finde es respektlos gegenüber den anderen Vereinen der nationalen Ligen, aber auch gegenüber der eigenen Tradition. Der moderne Fußball macht es mir immer schwerer, ihn zu lieben. Ich hoffe sehr, dass diese Pläne scheitern.

Tino Seebach

Kommen wir zurück zum Spiel der Saison am kommenden Sonntag. Ich glaube, wir müssen jetzt nicht groß rumreden. Nach allem, was ich aus wirklich wohlwollender neutraler Sicht am Freitag gesehen habe, kann ich Dir und Deiner Mannschaft nur mitgeben: Ihr habt keine Chance, also nutzt sie! Auf was hoffst Du am Sonntag?

Stefan Sealey

Du weißt doch, wie der Fußball ist, Tino! Es ist nur ein Spiel. In 90 Minuten kann alles passieren. Bei unserem Lauf in der Champions League 2018/2019 sind wir im Viertelfinale auch auf Manchester City gestoßen und haben uns sogar in zwei Spielen durchgesetzt. Damals haben auch die wenigsten an uns geglaubt. Letzte Woche hatte Dortmund Manchester City im Viertelfinale auch am Rande einer Niederlage. Manchester City muss einen schlechten Tag erwischen und wir einen guten. Natürlich haben wir eine Chance. Vielleicht hat die Entlassung von Mourinho ja etwas bewirkt, obwohl diese Meldung heute mit dem Super League hat ehrlicherweise einen bitteren Nachgeschmack für mich hinterlassen. Hoffen wir, dass der am Sonntag weg ist.

Tino Seebach

Ich werde in jedem Fall am Sonntag ein „Lillywhite“ sein, auch deshalb, weil Manchester City für mich als Fußballfan einer der unattraktivsten Vereine überhaupt ist. Von meiner Seite also alles, alles Gute und vor allem der Wunsch, dass Harry Kane auf dem Platz steht! Danke für das Interview, Stefan.

 

 

 

 

 

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