In der Stimulus-Blase

7. Januar 2021 (Anzeige)

Die gigantische Geldschwemme der Regierungen hat trotz Wirtschaftskrise zu einer großen Spekulationsblase an den Märkten geführt. Die Übertreibungen heute sind vielfach noch extremer als in der legendären Tech-Blase des Jahres 2000. Das böse Ende droht, wenn die Flut von billigem Geld und Stimulus-Checks versiegt.

Erinnern Sie sich an Pets.com? Die Aktie des Online-Versandhändlers für Tierbedarf galt lange Zeit als das Exempel für die Dummheiten auf dem Höhepunkt der Internet-Blase der Jahrtausendwende. Das Unternehmen ging im Februar 2000 an die Börse, nur einen Monat vor dem Nasdaq-Crash im März. Das ganze Geld wurde für grandiose Werbekampagnen verbraten, sogar ein TV-Spot in der Superbowl-Pause wurde gebucht. Die Online-Verkäufe von Tierbedarf waren immer defizitär. Nachdem die Internet-Blase geplatzt war, musste Pets.com im November 2000 seine virtuellen Tore schliessen, die IPO-Käufer verloren bis zur Liquidation 99.2%.

Doch Pets.com und die anderen prominenten Flops der Tech-Blase von 2000 sind alles nur kleine Chips dagegen, womit derzeit an den Märkten gezockt wird. Dank der gigantischen Geldschwemme der Notenbanken sind die Übertreibungen heute um ein Vielfaches grösser.

Auf gerade mal 400 Milliönchen belief sich der Börsenwert von Pets.com auf seinem Höhepunkt. Nur Krümel gegen den heutigen Tierfutter-Star Chewy mit einem Marktwert von 38 Milliarden Dollar. Die Aktie hat sich seit dem Börsengang im Juni 2019 mehr als vervierfacht. Gleiche Story, gleiches Geschäftsmodell, ebenso rote Zahlen, nur alles viel grösser – kommt es diesmal besser?

Dabei ist Chewy bei weitem nicht das absurdeste Beispiel der heutigen Spekulationsblase. Immerhin macht der Titel über sechs Milliarden Dollar Umsatz. QuantumScape etwa ging kurz vor Weihnachten an die Börse und erreichte kurzzeitig einen Marktwert von 50 Milliarden Dollar. Das Unternehmen will eines Tages Batterien für Elektroautos herstellen. Bis dato ist ausser Ideen und einem coolen Firmennamen nichts vorhanden. Trotzdem hat der Titel immer noch denselben Marktwert wie die japanische Panasonic, die tatsächlich Batterien für Tesla und andere Autobauer herstellt – mit Verlust übrigens.

Eine andere prominente Neuemission war Snowflake, die nach dem Börsengang im September für 100 Milliarden Dollar gehandelt wurde. Das ist das Zweihundertfache des Umsatzes, der mit dem Verkauf von cloudbasierter Datenanalyse erzielt wird. Wie David Hay bei Gavekal vorrechnet, macht der Snowflake-CEO mit seinem aktienbasierten Bonusprogramm derzeit 100 Millionen im Monat – und damit mehr Geld als das Unternehmen Umsatz. Doch die Spekulantenherde rennt der brüchigen Story gierig hinterher.

Ein weiterer heisser Sektor sind die Lieferdienste für Restaurant-Menüs, obwohl das Essen oft kalt ankommt: Doordash, Just Eat und Delivery Hero. Zusammen haben sie einen Börsenwert von über 100 Milliarden Dollar. Die von jedem Startup-Gründer so gesuchte Skalierbarkeit gibt es im Liefergeschäft offensichtlich nicht: Für jede neue Stadt und jedes neue Quartier braucht es einen neuen Fahrer und ein Gefährt. Je mehr Umsatz die Firmen machen, desto grösser ihr Verlust.

Keine Tour durch die Absurditäten der laufenden Stimulus-Blase ist jedoch komplett ohne Tesla. Die Aktie des Autobauers ist ein Kultobjekt, weil sie alle hippen Trends unserer Tage in sich vereint: Grüne Revolution, ESG, autonomes Fahren und Künstliche Intelligenz gepaart mit der Chuzpe eines populären Unternehmensführers.

Die Tesla-Aktie hat soeben Facebook überholt und ist zum fünftgrössten Titel am US-Markt geworden. Auf dem Papier ist Gründer Elon Musk nun der reichste Mann der Welt. Der Börsenwert Teslas übersteigt mit 800 Milliarden Dollar mittlerweile denjenigen aller anderen Autobauer der Welt zusammen. Blickt man auf die effektiv produzierten und ausgelieferten Autos, ist der Vorschuss der Anleger für Tesla gigantisch (siehe Grafik).

Seit Jahren steigen die Börsen getrieben von tiefen Zinsen in immer luftigere Höhen. Einzig eine breite Spekulationswelle wie im Jahr 2000 hatte all die Jahre noch gefehlt. Die ist nun definitiv da: Neuemissionen sammelten 2020 gemäss Wall Street Journal allein in den USA 167 Milliarden Dollar ein. Das schlägt die 108 Milliarden Dollar aus dem legendären IPO-Boom von 1999 deutlich. Begleitet wird der Boom von einem wilden Spekulationsrausch auf Trading-Plattformen wie Robinhood sowie frenetischem Kauf von Call-Optionen durch Kleinanleger, um mit einem Hebel auf weiter steigende Kurse zu wetten.

Warum platzte die letzte Tech-Blase?

Dass dies böse enden wird und viele unbedarfte Investoren grosse Verluste erleiden werden, ist unvermeidbar. Einzig das Wann und Wie ist noch offen. Selbst heute lässt sich nicht genau sagen, warum die letzte Blase ausgerechnet im März 2000 platzte. Irgendwann war jeder mit dabei und die News konnten nicht mehr besser werden.

Im März 2000 boomte die Weltwirtschaft, das Internet versprach grosse Produktivitätsgewinne und es herrschte Frieden auf der Welt unter Vormacht der USA und ihrer liberaldemokratischen Werte. Die Staaten der Eurozone hatten sich gerade enthusiastisch wie frisch Verliebte zur Währungsunion zusammengeschlossen. Die rosigen Aussichten zu Beginn des Millenniums widerspiegelten sich in den damaligen Bewertungen der Aktien. Bekanntlich kam es mit Frieden, Wachstum und Eurozone dann etwas anders, als gedacht.

Heute liegt die Weltwirtschaft auf der Krankenstation und die geopolitische Lage sieht alles andere als rosig aus. Die USA sind innerlich gespalten und haben viel von ihrem internationalen Ruf eingebüsst. Mit China ist ihnen ein starker Rivale erwachsen. Zahlreiche regionale Potentaten von Nordkoreas Kim über Putin und Erdogan nutzen die lottrige Pax Americana für ihre gefährlichen Machtspiele. Die Europäische Währungsunion gleicht längst dem seit über 20 Jahren verheirateten Paar, das niemand mehr beneidet.

Aber das alles kümmert die Anleger nicht, weil in ihren Augen eine lockere Geldpolitik, tiefe Zinsen und staatliche Stimulusprogramme noch für lange Zeit bestand haben werden. Der Optimismus und die hohen Bewertungen der Aktien- und Anleihenmärkte gründen auf etwas, was historisch gesehen noch mehr die Ausnahme war als Weltfrieden und stetiges Wachstum.

Wie Börsenveteran Jeremy Grantham von GMO in seinem jüngsten Kommentar zu recht schreibt, können weder perfekte ökonomische Rahmenbedingungen ewig Bestand haben noch perfekte finanzielle Rahmenbedingungen. Steigende Inflationsraten und Zinsen drohen, den Anlegern die Partylaune gründlich zu vermiesen. Wir halten deshalb eine breite Diversifikation in Rohstoffe und tief bewertete und damit weniger zinsempfindliche Value-Titel für dringend notwendig, um sich gegen das Ende der Stimulus-Blase zu schützen. (pfr)

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